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Afrikanische Geschichten




Der Holzwerker ohne Daumen

Als ich in den 1980er Jahren in Zaire (heute wieder Kongo) lebte und in der Holzindustrie arbeitete, fuhr ich jedes Vierteljahr auch zum Schwesterwerk in das Land mit dem verführerischen Namen Elfenbeinküste. Bei der ersten Reise in die größte Stadt Abidjan kam ich mir, von Kinshasa kommend, wie in Paris vor. Alles funktionierte, der Flughafen war klimatisiert und man wurde bei Pass- und Zollkontrolle anständig behandelt. Es gab in einem der Hotels eine Eisbahn und eine Bowling-Anlage. In Abidjan konnte man wunderbar Essen gehen, am besten Fisch (z.B. den köstlichen Zitterrochen mit einer Kapern-Sahne-Sauce) oder Langusten und Crevetten von der Küste. Aber sogar ein russisches Restaurant lockte mit einer etwas abgetakelten, doch immer noch attraktiven und sehr charmanten russischen Chefin und es gab sogar Kaviar mit Blinis, Krimsekt und Wodka. Heute ist dies alles kaputt und das Land hat es vorgezogen, einen anderen Weg zu gehen.

In Abidjan gab es ein Gästehaus meiner Firma mit dem Koch Kassoum. Der kochte in der Regel französisch, bereitete aber auf Wunsch auch mal ein einheimisches Essen zu.

Eines davon war:

Boiboissou

Der Name bezeichnet die gut gewürzte Sauce, dazu gehört Krebsfleisch von den Taschenkrebsen, die man an der Küste bekommt. Um das Essen zu erleichtern, werden diesmal die Krebse vorgekocht und ausgelöst. Die Einheimischen kochen ihre Krebse in der Sauce mit und knacken den Panzer dann ohne weiteres mit den Zähnen und Fingern beim Essen, aber das ersparen wir uns heute.

Zutaten für drei Personen:

10 kleine oder 3 größere Auberginen
4 frische Tomaten
1 große Zwiebel
1/2 Tasse Speiseöl
20 Gombos (Okras, Ladyfingers, machen die Sauce sämig, gibts beim Türken oder Griechen)
2 kleinere geräucherte Fische (in Deutschland z.B. Kieler Sprotten, dann vielleicht 4)
3 Chilischoten
3 Taschenkrebse

Die Krebse kochen wir also getrennt, wie oben erklärt. Die brauchen vielleicht 20 Minuten in sprudelnd kochendem Wasser mit etwas Salz. Über die Kochweise müssen wir uns in Deutschland mit dem Tierschutzverein verständigen. Der glühende Feuerhaken, der im letzten Moment die Wassertemperatur erhöhen soll, ist nicht erforderlich. Die gegarten Krebse mit schwerem Gerät ausnehmen und das Fleisch beiseite stellen. Den Panzer mörsern und für andere afrikanische Gerichte in einem Schraubglas kühl aufbewahren.

Das ganze Gemüse und die Chilischoten putzen und in angenehme Stücke zerkleinern. Für unseren Geschmack sollte man die Tomaten pellen, wie, ist schon oft beschrieben worden. In Afrika dagegen stört sich niemand an den harten Röllchen aus Tomatenhaut.
Alles in dem Öl anbraten, mit Wasser ablöschen, bis es fast bedeckt ist. Die geräucherten Fische leicht zerzupft dazugeben. Aufkochen und 15 bis 20 min. köcheln lassen, bis alles gar, aber noch ein wenig fest ist. Nun das ausgelöste Krebsfleisch dazugeben und mit erwärmen. Dazu gibt es Reis oder Maniokbrei (Foutou) und Flag-Bier. Kassoum reichte zusätzlich immer noch Spaghetti und weiße Bohnen, das gab es bei ihm zu jedem Essen, weil ihm das wohl mal ein Gast gesagt hatte.

Von Abidjan aus ging ich meist für zwei Wochen in den Norden, wo das Holz eingeschlagen und verarbeitet wurde. Da sah es aus wie in einer Stadt im Wilden Westen: Jedes Wohnhaus war aus Holz und hatte eine große Veranda auf Stelzen. Ich wohnte bei einem schwäbischen
Ehepaar, die waren nicht mehr ganz jung und hatten sich nach Weggang der Kinder einen Esel als Haustier angeschafft. Der durfte zum Glück nicht ins Haus, aber pflegte an der Küchentür um Zucker zu betteln. Die Dame des Hauses kochte schwäbisch und ich bekam dort mal einen
wunderbaren Roschtbraten mit Spätzle. Allerdings vergaß sie immer, wo sie ihr Bier abgestellt hatte und machte dann jedes Mal eine neue Flasche auf. Dadurch erhöhte sich ihre Chance erheblich, bei den Wanderungen durchs Haus etwas zum Trinken zu finden. Mittags kam ihr
Mann, der Sägewerker, nach Hause zum Essen. Dabei fuhr er mit seinem Moped aber auch an der Kantine mit Ausschank vorbei und legte in der Regel dort einen kleinen Boxenstopp bei den Kollegen ein. Seine Dame wusste das, aber billigte es nicht lange. Die Kollegen amüsierten sich sehr, wenn Madame wieder ihre Trillerpfeife ertönen ließ, um ihren Mann heim zu scheiteln. Unser Holzwerker löste sich aber erst beim zweiten Trillern von seinem Apéritif. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn er noch länger hocken geblieben wäre. Viele Holzwerker kommen ja auf unangenehme Weise mit der Säge in Berührung und so war es auch meinem Kollegen ergangen: Beide Daumen fehlten ihm, das machte das Anhalten mit der Handbremse vor der Haustüre sehr schwierig, aber er meisterte das elegant, indem er den Motor absaufen ließ und mit den Sicherheitsschuhen bremste. Dann war er bereit, die schwäbische Küche zu genießen. Was übrig blieb, stand dem Esel zu.


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